Weshalb viele auf dem Camino (im Leben?) aufgeben

Von Thomas Heise | Aktivreisen

Nov 27

Weshalb geben so Viele auf?

In einem Beitrag hatte ich schon einmal darüber geschrieben - von allen Pilger, die den Jakobsweg über eine längere Distanz starten, geben mehr als 40% auf. Woran liegt das? Im normalen Leben, gerade auch, wenn sich Menschen selbständig machen, geben deutlich mehr als 50% auf? Gibt es hier einen Zusammenhang?

Meine erste Pilgerbekanntschaft

Eine kleine Geschichte vorweg. Die Namen sind wie immer zufällig ausgewählt...

Am 4. Oktober komme ich in Bilbao per Flieger an und fahre sofort weiter ins Stadtzentrum von Bilbao. Ich hoffe, dass der Busfahrer ein Einsehen hat und mich mit dem nächsten Bus, der in Richtung Pamplona fährt, mitnimmt.

Am Busbahnhof lerne ich Berthold kennen. Berthold kommt aus dem Süden unserer schönen Republik und will den Jakobsweg von Pamplona bis nach Santiago de Compostelle pilgern. Im Gegensatz zu mir will er sich einen Tag in Pamplona akklimatisieren und einen Tag später starten.

Die moderne Technik macht es möglich und wir bleiben per Whatsapp in Kontakt. Ich laufe also einen Tag vor Berthold. Fast jeden Abend berichten wir uns den aktuellen Stand.

Berthold ist ein sportlicher und aktiver Mitfünfziger, dem du es locker zutrauen kannst, den Camino zu laufen. Bis zum 17. Oktober bekomme ich fast jeden Tag den aktuellen Stand von Berthold "gewhatsappt". In seiner letzten  Meldung berichtet er darüber, dass sein Fuß angeschwollen ist.

Sehr oft einfach unendliche Weite für deinen Blick

Erst am 23. Oktober erhalte ich die Info - Berthold hat den Camino abgebrochen, sein Fuß will nicht mehr.

Ist es der Körper, der aufgibt?

Die echt interessante Frage für mich war - Wer bzw. was an dir gibt in einem bestimmten Moment auf? Ist es dein Körper oder ist es eher ein mentales Aufgeben?

An dieser Stelle will ich gern noch eine kleine selbst erlebte Geschichte zum Thema körperliches "Umschalten" erzählen.

Am Ende bin ich 29 Tage auf dem Weg gewesen. 29 Tage bin ich jeden Tag durchschnittlich 33 km gelaufen. Wenn du mich an 23., 24. oder 25. Tage gefragt hättest, ob es mich anstrengt und so, dann hätte ich dir wahrheitsgemäß geantwortet - Ich bin sicher, ich könnte jetzt unendlich so weiter laufen. Und ich hätte es gekonnt. Dann kam ich nach Muxia und habe dort meinen ersten Ruhetag genossen. Am Tag darauf bin ich zurück in Richtung Santiago gestartet. Der Rucksack wog gefühlt das Doppelte, die Beine waren schwer, die Füße brannten schon nach 20 Kilometern, mir war alle zuviel. So habe ich mich zwei Tage bis nach Negreira zurück gequält.

Hatte sich in dem Ruhetag mein Körper verändert, war er schwächer geworden? Definitiv NEIN! Doch mental hatte ich die Reise abgeschlossen. Genau das hat mein Kopf, mein vielleicht Spirit dem Körper mitgeteilt. Dieser hat nur folgerichtig reagiert und gesagt - SCHLUSS! Also stellte ich die berechtigte Frage - Wer managed hier wen? Was glaubst du?

Der Begriff - UNMÖGLICH

Hast du schon einmal in einem Buch über Menschen gelesen, die von einer unheilbaren Krankheit aufgestanden sind und alle haben gesagt - Dies ist un-möglich!?? Ich habe an einigen Stellen solche Beispiele gefunden.

Das ist Tim aus Main US

Laufapparat nach schwerer Krankheit

Als dieser Mann vor mir lief, wunderte ich mich über seine "komischen" Apparate an seinen Beinen und ich war neugierig, was er zu erzählen hat. Was er dann sagt, trieb mir Tränen in die Augen. Selbst wenn ich heute an dieses Gespräche denke, bekomme ich feuchte Augenwinkel.

Tim's Geschichte

Tim ist heute 57 Jahre alt und hat wenn er läuft und wenn er spricht ein fettes Lächeln in seinem Gesicht. Dieses Lächeln ist warm und voller Lebensweisheit.

Vor 25 Jahren erkrankte Tim an einer Muskelerkrankung. 80% aller Fälle dieser Kranken werden geheilt. Er gehörte zu den 20%. Nur zwei Jahre später lag Tim im Krankenhaus an einer Herz-Lungen-Maschine, wurde künstlich ernährt, halt durch Maschinen am Leben erhalten. Die einzigen Muskeln, die er noch bewegen konnte, waren die seiner Augen und die Augenlieder.

Was perfekt funktionierte, war sein Geist. Tim hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken oder vielleicht besser zum Imaginieren. Innerhalb von weiteren zwei Jahren schafte er es, wieder im Rollstuhl sitzen zu können. Keiner seiner Ärzte hätte dies auch nur ansatzweise für möglich gehalten. Tim reiste nach Rom. Was er dort erlebt hat, hat er mir nicht erzählt. Nach Rom lernte er wieder laufen. Die Apparate an seinen Beinen hat ein Kanadier nach vielen vergeblichen Versuchen für ihn entwickelt.

Tim sagte wörtlich zu mir - "Weißt du Thomas, ich habe in den Jahren viele Menschen mit der gleiche Krankheit kennen gelernt. Die meisten von ihnen haben sich einen riesigen Fernseher gekauft und haben sich davor gelegt. Sie haben jeden Tag das Elend der Welt mit ihrem eigen Schicksal erlebt. Und sie sind gestorben. Jeden Morgen wenn ich wie durch ein Wunder erwache, lächle ich. Ich weiß, heute werde ich wieder laufen und glücklich sein. Dafür bin ich unendlich dankbar. Das Leben ist schön, stimmt's Thomas?"

Hast du schon einmal mehr als einen Stunde die Geschichte eines solchen Menschen selbst hören können? Hast du schon einmal einen solchen Menschen umarmt? Nach diesem Gespräch hatte sich für mich der Begriff UNMÖGLICH komplett verändert. Ich will mich sehr bemühen, diesen Begriff aus meinem Wortschatz zu streichen.

Tim aus Main mit Gehhilfen auf dem Camino

Übrigens, Tim ist in Saint-Jean-Pied-de-Port, also am Beginn des Camino Francès gestartet. Bis zu dem Punkt, an dem ich ihn treffen durfte, war er bereits 780 km auf dem Camino unterwegs...

Bitte sage mir, was ist un-möglich?

Was ist UNMÖGLICH

Wer trifft die Entscheidung oder Wahl, ob etwas unmöglich für uns ist? Sind wir es unter Umständen selbst, die diese Wahl IMMER treffen? 

Wer entscheidet hier?

Nach allem, was ich erleben durfte, bin ich mir heute sicherer den je - Die Entscheidung dafür, was wir mit unseren Körper leisten wollen, leisten können, die Entscheidung, ob wir gesund und munter sind oder ob wir krank sind - diese Entscheidung treffen WIR (jeder von uns) in unserem Geist. Ja, viele dieser Entscheidungen oder vielleicht treffender Wahlen laufen eher auf einer unterbewussten Ebene ab. Und doch sind wir diejenigen, die es in der Hand haben. Auch unsere unterbewussten Handlungen können wir beeinflussen und natürlich auch verändern - WENN WIR ES WOLLEN und auch wissen, was wir tun können.

Zurück zum Beginn der Geschichte

Will ich hier behaupten, dass 40% der Pilger auf dem Camino vorher die unbewusste Entscheidung treffen, dass sie es nicht schaffen wollen? Nein, das wäre Bullshit.

Nach meinem Verständnis sind die Fragen hier andere. Worauf fokussierst du dich, wenn du den Camino läufst? Läufst du diesen Weg für dich, um ein Stück tiefer in deine eigene Welt einzutauchen?  Bist du komplett offen für alle Wahrnehmungen und gehst diesen Weg mit großen staunenden Augen wie ein Kind oder machst du ein MUSS aus diesem Weg? Erlaubst du es, mit deinem Körper verbunden zu sein und hörst auf ihn? Oder machst du eine statistische Aufgabe aus dem Camino? Ist es der Weg, der dein Ziel ist oder willst du unbedingt 900 Kilometer schaffen? Wie viel Spaß,und Freude hast du jeden Tag an dem, was du tust?

Was ist der Unterschied zum normalen Leben?

Nachdem ist mir diese Fragen gestellt hatte, wurde mir klar, dass es im normalen Leben ganz genau so ist. Worauf konzentrieren wir uns? Welche Wahlen treffen wir? Wählen wir das Beste für uns in dem jetzigen Augenblick oder wählen wir etwas, weil es NORMAL ist genau dies zu wählen? Wählen wir für uns in voller Eigenverantwortung oder wählen wir, um nicht aufzufallen oder anzuecken?

Wovon ich heute zu tiefst überzeugt bin - Wähle ich Spaß und Freude in allen, was ich tun - Dann und wirklich erst dann bin ich der größte Beitrag für die Menschen in meiner Umgebung.

Ist es wirklich egoistisch den Camino einen ganzen Monat allein und ohne seinen Partner zu pilgern?

Am Rande bemerkt

Du glaubst gar nicht, welch großes Geschenk der Camino für mich gewesen ist. Ja, heute bin ich ein Stück weit wieder in "Alltag" angekommen. Doch es gibt jeden Tag Momente, in denen ich an die Tage auf meinem Camino zurück denke. Dies sind Augenblicke, in denen ich wieder diese Kraft, diesen Spirit spüren und ich mir sagen - Ja, das wird funktionieren - Ich weiß es.

Herzliche Grüße
Thomas

PS: Wo liegt dein UN-MÖGLICH? Wie legst du deine Grenzen fest?

Folge mir auf

Über den Autor

Da „draußen“ sind so viele Menschen, die heute 45, 50 oder 60 Jahre alt sind. Sie alle haben so unendlich viel Lebenserfahrung angesammelt und doch sind viele müde geworden. Die ersten Zipperlein des „Alters“ plagen, der Job nervt, sie sind ausgebrannt usw. Meine Vision ist es euch Ideen zu geben, mehr Power und Lebensfreude, Lust auf Neues zu wecken und den Mut, vielleicht doch die eine oder andere Veränderung anzugehen. Lasst uns eine Delle ins Universum schlagen…

Hinterlasse einen Kommentar:

Hinterlasse einen Kommentar: